16.08.2013

#bhvn8 bei Dona Carmen

Wie bereits angekündigt, habe ich meinen gestrigen freien Abend dafür genutzt, um ein wenig das Bahnhofsviertel in Frankfurt unsicher zu machen. Soweit es ging. Ich hatte große Pläne, wollte einige Stationen der Bahnhofsviertelnacht 2013 besuchen und bekam in der Warteschlange vor Dona Carmen auch noch weitere Geheimtipps. Am Ende war ich eher überfordert, als schlauer.


Warum ich so lange bei Dona Carmen gewartet habe? Dort wurden einige Workshops angeboten und was noch viel spannender erschien: drei Bordell-Führungen für je 20 Frauen. Für mich klang das sehr interessant, nur leider war ich nicht die einzige. Um 18:30 Uhr sollte die Anmeldung geöffnet werden, ich stand seit kurz vor sechs und bis kurz nach sieben an und bekam leider keinen Platz mehr. Schade.

Blöd fand ich die Frauen (die bis um die nächste Ecke anstanden), die sich aufregten und beschwerten und forderten, dass weitere Führungen spontan organisiert werden sollten. Von vornherein war klar: es gibt nur 60 Plätze, es gibt nur drei Führungen. Und schon nach meiner "Volkszählung" der Damen vor mir war ersichtlich "Für mich wird es knapp. Ich glaube da bekomme ich keinen Platz mehr". Und ich stand wirklich weit vorne (daher probierte ich es auch tapfer weiter). Naja, es gibt immer Leute die meckern müssen. Klar ist doch, dass man nicht an einem Abend x Frauen durch ein Bordell jagen kann. Das stört nicht nur die Arbeitsatmosphäre der Damen und somit den Umsatz, sondern sollte auch nicht zu einer Touristenattraktion gemacht werden. Geschäft bleibt Geschäft, oder? Schließlich müssen die Damen ja auch irgendwie ihre Steuern, Versicherungen und Rechnungen bezahlen.

Die Anstehzeit hat sich aber dennoch in jedem Fall gelohnt. Ich meldete meine beiden Mädels und mich für einen Workshop mit dem Titel "Sexualpraktiken (von Prostituierten)" an. Was uns erwartete war eine etwa 1 1/2 stündige und spannende Diskussion unter fünf Sexarbeiterinnen und ca. 35 Besucherinnen. Es ging wesentlich weniger um Sexualpraktiken (was mich freute), als um das Leben als Prostituierte und die Geschichten der Frauen; die Geschäftsbereiche, in denen sich die jeweiligen Damen bewegen; den Umgang mit männlicher und weiblicher Kundschaft; die Abenteuer, die sie erlebt hatten; ihre Werkzeuge und unterschiedliche Vorlieben, die sie durch ihre Services abdeckten. Es waren Damen jeden Alters (die jüngste war 21) und jeden Geschlechts vor Ort.

Mich begeisterte ihre Offenheit. Durch ihre professionelle Art und ihre spannenden Erzählweisen ließen sie eine gewisse Nähe zu, die mir ermöglichte, mich in dem kleinen völlig überfüllten Raum wohl zu fühlen und in ein tolles Gespräch einzusteigen. Vor allem ihr politisches Engagement und ihr Einsatz für mehr Gerechtigkeit für Sexarbeiterinnen hat mich sehr inspiriert. Mehr Informationen dazu findet ihr auch auf Dona Carmens Website. Diese Diskussionsmöglichkeit nahm vielen die Scheu vor der verruchten Rotlichwelt und die Angst vor einer Kriminalisierung, wenn man sich in ihr bewegt.

Die fünf Frauen unserer Diskussionsrunde kann ich als sehr selbstbewusste, selbstbestimmte und starke Frauen beschreiben, die sich bewusst dafür entschieden haben in das Rotlicht-Gewerbe einzusteigen, um ihre Träume und Wünsche zu erfüllen oder auszuleben. Ich wünsche mir mehr Respekt für diese Menschen.

Insgesamt habe ich es als sehr mutig und bildend empfunden, Frauen die Möglichkeit zu geben einen Blick ins Rotlichtmilieu zu werfen - und zwar ganz anders als erwartet und anders als bereits bekannt (man denke an Reeperbahn und Co.). Nein, vor allem realistisch, unverkleidet und direkt.

Ich bin für mehr Möglichkeiten solche Einblicke zu gewähren. Ich bin auch dafür, dass Prostituierte nicht um ihren Umsatz fürchten müssen, wenn unglaublich viele Frauen durch das Viertel watscheln. Ich wünsche mir mehr Anerkennung für ein uraltes Geschäft. Ich wünsche mir, dass solche Abende den Umsatz und das Interesse fördern und somit für angenehmere Arbeistplätze für Prostituierte gesorgt werden kann. Ich bin gegen eine Kriminalisierung der Prostitution und für Freiheit und Selbstbestimmung der Arbeiterinnen dieses Gewerbes. Das Gespräch gestern hat mich dazu bewogen mich viel intensiver mit diesem politisch brisanten Thema auseinanderzusetzen.

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